Von Freiheit träumen (AT)

 

1.

Vom Stolz der Beduinen

 

Sand. Nichts als Sand. Diese unendliche Weite, diese Stille. Wenn kein Motorgeräusch stört, ist nur das Pfeifen des Windes zu hören und manchmal nicht einmal das.

Du kommst wirklich nicht mehr hierher?“ Der Saharaui lächelte ungläubig.

Nein, bestimmt nicht.“ In diesem Moment war ich tatsächlich davon überzeugt.

Alien legte den Kopf zur Seite wie eine alte Schleiereule. „Das glaube ich nicht. Sie kommen alle wieder.“ Er grinste breit. Wenn der stämmige, dunkelhäutige Mann grinste, wirkte es immer irgendwie anzüglich.

So so“, sagte ich kurz. Mein Ausdruck hätte einen notorischen Playboy in der Schwüle einer Sommernacht abgeschreckt. Ich schloss die Augen und hörte mir, umgeben von dem Geruch heißen Sandes, die Stille an. Und dachte an den James Bond-Film „Sag niemals nie“ – eine Welt, die mit dieser hier nichts gemein hatte. „Hm … warten wir ab“, seufzte ich gedehnt.

Das ist immer gut. Das Wichtigste hier hast du schon gelernt“, nickte Alien mit einem gewissen Mangel an Bescheidenheit.

Oh ja, sagte ich mir und dachte an mañana. Morgen. Manchmal war mein kleines Goldfischhirn ja noch durchaus lernfähig, aber das war hier gar nicht nötig. Da war sie wieder, die Mentalität, mit der ich jahrelang im südlichsten Süden Spaniens gekämpft und mich letztlich doch arrangiert hatte. Aber vielleicht war alles nur eine Sache des Breitengrades. Die Kanarischen Inseln und die Lager der Saharauis liegen ja gleich weit im Süden. Ich lächelte. Auch mit der österreichischen Mentalität ist es nicht immer einfach. Selbst als Einheimischer stößt man schnell an Grenzen, wenn man etwas anders will oder mit neuen Ideen kommt. Nach dem Motto: „Nein, gibt’s nicht, war noch nicht, fangen wir auch nicht an.“

Warum lachst du?“, fragte Alien.

Ach“, ich zuckte eine Schulter, „ich meinte vorhin: schauen wir mal, Alien.“ Ich gebe zu, oberflächlich betrachtet eine gewisse Parallelle zu mañana. „Es hängt nicht von mir ab.“

 

Elf Monate später packte ich erneut.

Bereits ein Dreivierteljahr nach der ersten kurzen Reise den Auftrag zu bekommen, das Projekt nun bei längeren Aufenthalten in den Lagern zu begleiten und umzusetzen, freute mich riesig. Ich schrieb Konzepte für meinen nächsten Einsatz in Deutsch und Spanisch und gemeinsam erarbeiteten Gundi und ich die Terms of Reference für das Projektmonitoring und den Trainingseinsatz. Zweisprachig. Eigentlich dreisprachig, denn Englisch ist bei einem internationalen Projekt dieser Größenordnung state of the art. Projektmanagement, lernte ich, ist in der Planungsphase viel heiße Luft und noch mehr bekritzeltes Papier, aber Papier ist ja geduldig, wie man weiß. Und je weiter südlich, desto geduldiger wird es. Das war mir nach dem ersten Besuch, dem Vorsondieren und Abchecken der Lage, bereits klar. Aber die Spielregeln im Wettbewerb der NGOs um die Gunst der Entrechteten, Besitzlosen und Hilfsbedürftigen sind eigen. Und arbeitsintensiv. Results and indicators müssen wie die Activities to achieve bereits in der Projektbeschreibung pingelig angeführt werden und das auf Deutsch und Englisch und in diesem Fall auch noch auf Spanisch, da dort keiner der Wichtel Englisch versteht. Ein Förderansuchen nur auf Deutsch wäre zudem nicht state of the art. Will man nicht ein Jahr bei der Formulierung allein sitzen, sollte man Englisch zumindest auf Niveau B2 beherrschen. Die Ausarbeitung des Ansuchens ist eine Wissenschaft für sich. Enthalten sind in dem locker gefüllten Büroordner Daten und Fakten zur Lage, Kooperationspartner vor Ort, Zielgruppen, Strategie, Activities, Monitoring, Nachhaltigkeit, Dauer, Evaluation und Kosten.

Sag, findest du das nicht etwas übertrieben? Das liest doch kein Schwein!“, bewunderte ich Gundi in dem Maße, wie der Ordner sich füllte. Dann bedauerte ich sie. Und mich. Mir blieb nämlich nicht erspart, mich da ebenfalls durchzukämpfen.

Ich weiß, aber darum geht es nicht...“

Sorry, aber unser Partner da unten...“ Ich stellte mir Alien, den alten Fuchs, in seinem Büro vor, das er spätestens nach der zweiten Zigarette wieder verließ, und stöhnte: „Nun, ich finde es schlichtweg lächerlich.“

Es gibt gewisse Regeln, Ursula.“

Gott! Du erinnerst mich an meine Mutter, die sagt auch immer: 'Das gehört sich nun mal so!'“

Ein kurzes Lachen am anderen Ende der Leitung. Gundi und ich sind gleich alt. Mit ihrer leisen Stimme sagte sie: „Schließlich sind wir da unten nicht als Schnürsenkelverkäufer unterwegs.“

 

Unser direkter Ansprechpartner vor Ort war Alien Ebnu, seines Zeichens Coordinador del proyecto, im richtigen Leben die rechte Hand des Gesundheitsministers Sidahmed Tayeb, genannt Beri. Mein Antrittsbesuch bei dem ehemaligen Arzt und kämpfenden Polisario-Mitglied anlässlich meiner ersten Reise wird mir ewig in Erinnerung bleiben. Ich hatte eine Liste voller, wie mir schien veritabler Ideen, die ich Beri in dem kleinen dunklen Büro präsentierte. Wortlos hörte er sich die Programmpunkte meiner Einsätze an, nickte weise mit einem höflichen Lächeln und wartete, bis ich geendet hatte. Mein letzter Vorschlag beinhaltete die Fortbildung der Hebammen und des sanitären Personals in Familienplanung. Hier endete sein höfliches Lächeln und er schüttelte vehement das schüttere Haupt.

No!“ Das Nein klang sehr kategorisch. Kurz drehte er die Zigarettenschachtel zwischen den Fingern, dann zündete er sich eine neue Zigarette an. Als er den Blick hob, musterte er mich mit seinen durchdringenden dunklen Augen.

Das, Ursula“, sagte er leise, mit einer Stimme wie ein langjähriger Testraucher von Philip Morris, „brauchen wir hier überhaupt nicht. Im Gegenteil, wir brauchen viele kleine Krieger.“ Damit war das Thema vom Tisch.

Shit, das darf doch nicht wahr sein!, stöhnte ich innerlich. Bitte sehr, wie krank muss ein Hirn sein, noch dazu ein ehemals akademisch gebildetes, so etwas mit vollem Ernst einer emanzipierten Europäerin im einundzwanzigsten Jahrhundert zu sagen! Alter Sack! Die Atmosphäre in dem kleinen Büro wurde ungeachtet der fünfunddreißig Grad hinter dem Wellblech schlagartig arktisch. Weltanschauungen prallten hier aufeinander. Und sie hatten nichts zu tun mit von mir propagierter Emanzipation oder Feminismus, die hatten schon die Einreise nach Algerien nicht überlebt.

Hm...“ Mehr fiel mir im Moment nicht ein. Ich gebe zu, ich war etwas aus der Fassung geraten. Ich starrte in das faltige Gesicht mit der von Sonne und Wind dunkel gegerbten Haut. Seinem autoritären Blick hielt ich stand, doch ich wusste, eine Diskussion wäre sinnlos. Wir waren Äonen voneinander entfernt.

Dass ein islamisches Volk auf gerade diesem Sektor Nachholbedarf hat, war ja jetzt nicht wirklich eine Neuigkeit. Und dass unsere multioptionale Welt nicht das Maß aller Dinge ist, auch. Ich finde es auch durchaus erfrischend, wenn Männer in gewissen Situationen die Initiative ergreifen oder wissen, wo's langgeht, aber bitte nicht auf Kosten von uns Frauen! Es war dieser sture Bock, der mich in Fahrt brachte, diese ans Y-Chromosom gebundene Altersverdummung einer machohaften Gesellschaft, die den Frauen alles aufbürdete. Und nach den fraglichen Vergnügen der sexuell äußerst regen Beduinen auch die Aufzucht der kleinen Krieger. Dabei ahnte ich zu diesem Zeitpunkt noch nichts von den verzweifelten Abtreibungsversuchen mit Stricknadeln und dergleichen – worüber er jedoch Bescheid wusste... Es würde eine mühsame Mission werden, schwante mir, falls der gesamten Führungsschicht des Landes intellektuelle Differenziertheit so ferne lag wie dem Herrn Ministro de Salud Pùblica. Okay, okay, sagte ich mir, in punkto Demut habe ich die ganz große Klasse noch nicht erreicht. Vermutlich diente der alte Herr seinem Land so gut er konnte und es stand mir nicht zu über ihn zu urteilen.

Alien Ebnu rauchte weniger und war einige Jahre jünger als sein Chef. Sonst war er ganz auf Linie. Ein paar Jahre zuvor, mit Ende vierzig, hatte er sich noch eine weitere Frau genommen und sie bis dato dreimal geschwängert. Somit war er stolzer Vater einer kleinen Fußballmannschaft und seinem Gehabe nach zu schließen würde es nicht bei dem halben Dutzend bleiben. Jedes Mal, wenn er mich heimlich beobachtete – oder glaubte, es heimlich zu tun – wollte ich ihn am liebsten fragen, wie es zu seiner Testosteronvergiftung kam, ließ es aber immer sein. Es war auch nicht unser eigentliches Problem. Mein Problem mit dem gewitzten glutäugigen Schlitzohr war ein ganz anderes. Damit er die Großfamilie auch entsprechend ernähren konnte, hatte Alien überall seine Finger im Spiel. Um es jetzt einmal wertfrei zu sagen.

An Alien führte kein Weg vorbei. Schon deshalb nicht, weil er im Gesundheitsministerium Herr des Internets war. Da er jedoch die meiste Zeit unterwegs war und in jedem Projekt herumwichtelte – und deren gab es viele – musste er gewisse Bereiche delegieren. In unserem Fall schaltete er Ninna Mohamed Salem ein, Beauftragte im Ministerium für Müttergesundheit. Als Hebamme war sie für unser Projekt genau die richtige Ansprechpartnerin und auch als Frau und Kollegin empfand ich sofort große Sympathie für die fleißige bemühte Saharaui. 

 

©   Ursula Walch